Kommentar
Was sollen eigentlich unsere Kinder davon lernen?Führe uns in Versuchung!
Bordelle, Call-Girls, Luxus-Limousinen und Nobelhotels. Davon träumt mancher ein Leben lang vergebens. Aber wenn die Skandal-Berichte zutreffen, die uns in letzter Zeit erreichten, dann scheinen nicht wenige deutsche Manager und Gewerkschaftsvertreter ihre ganz persönliche Vision des Schlaraffenlandes schon auf dieser Welt realisiert zu haben. Ob Autohersteller oder Rundfunkanstalt - hinter einem blitzsauberen Image verbergen sich mitunter ganz unappetitliche Tatsachen. Der STERN schätzt den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden auf 50 Milliarden Euro - eine gigantische Summe, die beispielsweise Finanzminister Hans Eichel sicherlich ein bisschen aus der Patsche helfen würde, wenn er das Geld denn hätte.
Aber es ist futsch, und die Tendenz zur Korruption, so wollen es Wissenschaftler beobachtet haben, nimmt zu. Korruption hat viele Gesichter. 150.000 deutsche Firmen haben laut STERN schon einmal Schmiergeld bezahlt - eine unglaubliche Zahl. Damit hätte etwa jede siebte Firma sich in diesen Sumpf aus Vorteilsannahme und -gewährung begeben. Ebenso erschreckend: Mehr als die Hälfte der befragten Firmeninhaber glaubt, schon einmal Aufträge verloren zu haben, weil sie nicht irgendjemandem einen Gefallen getan haben.
Ich mag gar nicht hoch rechnen, was diese bundesdeutschen Zahlen für Bremen bedeuten. Wie viele schwarze Schafe laufen eigentlich an der Weser rum? Ebenso nachdenklich stimmt: Offensichtlich haben deutsche Finanzbeamte bis vor einigen Jahren noch Schmiergeldzahlungen im Ausland als Betriebskosten anerkannt. Da hat wohl unser eigener Staat ein schlechtes Vorbild abgegeben.
Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben. Schule soll keine weltferne sinnlose Plackerei sein. Was passiert eigentlich, wenn unsere PISA-gebeutelten Schüler diesen ganzen Sumpf an schlechten Vorbildern kreativ interpretieren, entsprechende eigene Regeln des Weiterkommens schaffen? Vielleicht wäre es an der Zeit, das Verhältnis von schwarzen Schafen zu weißen nicht als mathematisches, sondern als soziales Problem zu vermitteln. Kann jedenfalls nicht schaden! Herzlichst, Ihr TG
(Dieser Kommentar erschien erstmals im August 2005 im BREMEN MAGAZIN ("Mit 180.000 Exemplaren die Nr. 1")
BREMEN MAGAZIN siehe auch: www.documoments.de/links