Kommentar

Die größte Wähler-Fraktion: die unentschiedenen


Was soll ich wählen?

In den Bauernkriegen vergangener Jahrhunderte war bildmächtig vom „Hauen und Stechen“ die Rede, wenn es um die schrecklichen Erlebnisse ging, die sich die Menschen -ob Söldner oder Landwirt - gegenseitig zufügten.
Dagegen wirkt der aktuelle Bundestagswahlkampf eher wie eine harmlose Wirtshausrauferei, in der es um die Frage geht: Wer bezahlt die Zeche? Den Beteiligten schwant schon längst, dass es bei der Begleichung der Rechnung eng werden könnte. Sei’s drum - es war bislang ein schöner Abend. Man hat zusammen gesessen und sich so einiges von der Karte gegönnt. Prost! Aber die ersten merken es: Der Wirt lächelt schon verkniffen. Gleich heißt es: Zapfenstreich, meine Herren, meine Dame! Heraus mit der Börse, angeschrieben wird nicht mehr. Und just in diesem Moment wird allen klar: Die Party ist vorbei! Wo kommt die Kohle her? Der Wirt macht Druck. Draußen gehen schon die Lichter aus im Wirtshaus „Zum schönen Deutschland“.
In solchen kritischen Phasen einer Gesellschaft kommen sie auf den Tisch - die vielen Rezepte, wie es mit dem Schmausen und Zechen hierzulande weiter gehen soll. Einig sind sich alle: So kann es nicht weiter gehen! Die Arbeitslosigkeit! Die Lohnkosten! Die Subventionen! Die Bildung! Die Schuldenfalle! All das Elend!
Doch dann geht der Streit erst richtig los. Der eine präsentiert sein Konzept auf dem Bierdeckel, der andere widerruft seine Thesen von gestern, jemand zählt hier zwei dazu, zieht dort zwei wieder ab, ein weiterer zählt Erbsen, der nächste fordert Freibier für alle - und immer mehr Wähler blicken nicht mehr durch.
Da hatten die beiden großen Parteien und Koalitionen Jahrzehnte lang Zeit, das Land fit zu machen, es vorzubereiten auf die wirtschaftlichen Herausforderungen - und jetzt kommt der Katzenjammer, der Scherbenhaufen, die erschreckende Bilanz. Wem soll man da noch glauben? Kein Wunder: Noch nie war der Prozentsatz der Wähler, die nicht wissen, wohin mit ihrer Stimme, so groß. Viele, die jetzt ihr Kreuzchen machen sollen, tun es ohne Leidenschaft, ohne innere Überzeugung. Kann das gut gehen?

Herzlichst, Ihr TG

(Dieser Kommentar erschien erstmals im September 2005 im BREMEN MAGAZIN ("Mit 180.000 Exemplaren die Nr. 1")

BREMEN MAGAZIN siehe auch
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